Kupferberg Isidor

Ein extra langer Buchtipp!
In der Zeitung fand sich ein Bericht über Lemberg, heute Ukraine, und da kam das Buch gerade recht: «Mein Urgrossonkel war ein Dandy», so beginnt es – und ja, er war ein armer Judenjunge aus Galizien, damals in Polen und heute Westukraine.
Die Autorin Shelly Kupferberg versucht, sich die Geschichte Ihres Urgrossonkels Isidor zusammen zu reimen, liest Briefe, besonders auch von ihrem Grossvater Walter, der 1956, von der ersten Reise nach dem Krieg in seiner Heimatstadt Wien, an seine Frau Alice nach Tel Aviv schreibt. Walter war es auch, der als junger Bursche jeden Sonntag bei seinem Onkel eingeladen war zum Mittagessen, das zelebriert wurde mit illustren Gästen und an dem auch Walter seinen Teil beitrug, indem der Onkel ihn sein grosses Wissen vorführen liess.
In jenen Jahren war Isidor bereits ein gemachter Mann. Aus dem kleinen armen Israel/Ignaz war inzwischen ein bekannter und allseits geachteter Kommerzialrat und wirtschaftlicher Berater des österreichischen Staates geworden. Eigentlich ein Emporkömmling, ein exzentrischer Parvenü, ein Multimillionär, hier ein Hochstapler, ein Mann von Tat und von Welt, er war eigensinnig und stolz. Wie sonst lässt sich sein Aufstieg aus dem hinterletzten kleinen Dorf bei Lemberg (heute Lviv) erklären bis ganz nach oben und bis zu dem Tage als Menschen wie er ausgelöscht werden sollten.
Inzwischen hatte er sich einen christlichen Namen zugelegt, Isidor war weitaus günstiger. Auch seine Geschwister taten dasselbe, sehr zum Leidwesen ihres orthodoxen Vaters, der sich nie Gedanken darüber machte, wie seine Frau die Kinder und damit die ganze Familie ernähren sollte.
Im letzten Teil des Buches findet sich ein Interview mit der Schriftstellerin: Sie ist Journalistin und Moderatorin und nun also auch Autorin.
Eigentlich wusste sie nicht sehr viel von ihrem Urgrossonkel Isidor, ihr Grossvater Walter erzählte, resp. spielte der Familie jeweils vor wie er als Jugendlicher jeden Sonntag von seinem Onkel ins Palais eingeladen wurde zum Mittagessen und als guter Schüler zu «performen» hatte. Sie wusste, dass ihr Onkel wohlhabend war und sofort nach dem «Anschluss» Österreichs von den Nazis verhaftet wurde. Viele Jahre nachdem ihr Grossvater verstorben war, moderierte Shelly Kupferberg eine internationale Tagung zu Raubkunst, da erinnerte sie sich plötzlich und ihre Neugierde erwachte. Familienbriefe aber auch das österreichische Staatsarchiv und viele andere Quellen halfen ihr die Geschichte Isidors aufzuzeichnen. Eine Familiengeschichte, aber nicht nur, etwas Zeitloses haftet diesem Buch an und berührt uns. Lustig, nachdenklich und tiefgründig und unterhaltend!

Shelly Kupferberg: Isidor – ein jüdisches Leben
Diogenes Verlag, 2022 / Fr. 32.-

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