Vuillard Tagesordnung 20. Februar 1933: Auf Einladung des Reichstagspräsidenten Hermann Göring finden sich 24 hochrangige Vertreter der Industrie zu einem Treffen mit Adolf Hitler ein, um über mögliche Unterstützungen für die nationalsozialistische Politik zu beraten: Krupp, Opel, BASF, Bayer, Siemens, Allianz – kaum ein Name von Rang und Würden fehlt an den glamourösen runden Tischen der Vermählung von Geld und Politik.
So beginnt der Lauf einer Geschichte, die Vuillard fünf Jahre weiter spinnt, bis zum sogenannten Anschluss Österreichs.
Bild- und wortgewaltig führt uns Vuillard in die Hinterzimmer der Macht, wo in erschreckender Beiläufigkeit Geschichte geschrieben wird – fast so als wäre er, und damit jetzt wir, dabei gewesen. Er erzählt eine eigentlich bekannte, aber doch ganz andere Geschichte der Geschichte: ein Panzerstau an der deutschen Grenze zu Österreich, Schuschniggs kleinliches Festhalten an der Macht, Hitlers abgründige Unberechenbarkeit und Chamberlains gleichgültige Schwäche.
Mit der ihm eigenen virtuosen Eindringlichkeit und satirischem Biss seziert Vuillard - auf nicht einmal 130 Seiten - die Mechanismen des Aufstiegs der Nationalsozialisten und macht deutlich: Deals, die an den runden Tischen der Welt geschlossen werden, sind faul, unser Verständnis von Geschichte beruht auf Propagandabildern. Ein notwendiges Buch, das eine überfällige Geschichte erzählt – gültig nicht "nur" für die 1930er Jahre!

Éric Vuillard: Die Tagesordnung

Matthes & Seitz Verlag, 2018 / Fr. 25.90

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