Bettini Wurzeln Ein kleines, ein kluges Buch gegen die Leitkultur-Debatte und eine gelungene Warnung vor Fremdenfeindlichkeit, Ausgrenzung und Missbrauch von Tradition und Geschichte.
Was meinen wir eigentlich, wenn wir von unseren "Wurzeln" sprechen? Statt der Zukunft (!) beschwören wir in unsicheren Zeiten gern Geschichte und Tradition, unser kulturelles Erbe, die gemeinsame Identität. Doch solche Bilder sind in keinster Weise unschuldig. Mit der "Wurzeln"-Metapher drücken wir aus, dass unsere Welt so bleiben soll, wie sie ist. Wir wehren uns gegen Wandel und grenzen uns von anderen ab, deren eigenen kulturellen Wurzeln wir aber umgekehrt keineswegs dieselbe Wert-schätzung entgegenbringen.
Die Metapher suggeriert etwas Naturgegebenes, Unveränderlich-es, eine quasi automatische Zugehörigkeit. Dabei wissen wir genau, dass auch unsere Kultur - wie alle anderen - durch Aneignung, Wandel und Vermischung mit fremden Einflüssen entstanden ist; dass die vielzitierte kollektive Erinnerung oft nicht mehr ist als persönliche Nostalgie.
Mit glänzender Ironie umkreist Bettini die vielen Spielarten unser-er identitären Obsession: von wiederentdeckten, wenn nicht gar erfundenen Traditionen, vom Kult um vermeintliche Authentizität und Ursprünglichkeit bis zur Idealisierung von Grossmutters Küche.
Maurizio Bettini lehrt als Professor für klassische Philologie an der Universität Siena und leitet das Institut für Anthropologie der antiken Welt.

Maurizio Bettini: Wurzeln. Die trügerischen Mythen der Identität
Kunstmann Verlag, 2018 / Fr. 22.90

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