Semadeni Tamangur Die Grossmutter, der Jäger und das Kind
Ein Dorf voller Schatten im Tal. Tief hat sich der Fluss in die Felsen einge-graben. Eine Kirche, ein Schulhaus, der Dorfplatz mit der Lügenbank. Hier lebt das Kind zusammen mit der Grossmutter. Der dritte Stuhl am Tisch ist leer, der Grossvater, der ein Jäger war, ist jetzt in Tamangur.
"Das Dorf ist nicht mehr, als ein Fliegendreck auf der Landkarte", sagt die Grossmutter, und in der Küche hat sie Nadeln an die Weltkarte gesteckt: Venezia, Tumbaco, Havanna, Paris. Dorthin denkt sie sich gern zurück. Sie hat keine Lust, auf dem Bänkchen vor dem Haus Socken zu stricken. Socken hat sie genug gestrickt. Für den Grossvater, der Füsse hatte wie Seide.
Für das Kind, das immer davon träumen muss, wie sich der Körper des klei-nen Bruders auf dem Fluss Richtung Schwarzes Meer entfernt, ist die Gross-mutter ein Glück. Sie hat ein grosses Herz. Auch für den kleinen Schorn-steinfeger oder die Schneiderin, die Erinnerungen klaut, und vor allem für die wundervolle Elsa, die zu den Seltsamen gehört und manchmal Elvis Presley zum Abendessen mitbringt.

Leta Semadeni: Tamangur
Rotpunktverlag, 2015 / Fr. 22.-

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